Dir gefällt AMPYA?

27. Feb 2014 @ 11:10 Uhr

Hippie im Herzen: Brandon Boyd schwört auf Meditation, dadurch lassen sich unendlich viele Dinge erreichen.
Sony Music/Brian Bowen Smith

Brandon Boyd stellt in seiner umsichtigen Sympathie ein Lebensideal dar. ER ist einer, der sein Handeln in klare Kontexte setzt - als  Musiker, Künstler, Autor, Aktivist, Umweltschützer, Surfer und Hundebesitzer. Seit seine Stammband Incubus nach der Welttournee zum letzten Album "If Not Now, When?" pausiert, lebt sich Boyd mit ihrem Produzenten Brendan O'Brien aus. Der Multiinstrumentalist, der unter anderem Pearl Jam und Rage Against The Machine begleitet, tüftelte mit Brandon ein halbes Jahr am Projekt Sons of the Sea. Nun stellen die Beiden ihr gleichnamiges Album vor. Es ist nur augenscheinlich, dass bei diesen kreativen Kräften Großes bei rumkommt, auch wenn der selbsternannte Sonderling Boyd eher bescheiden mit seiner Incubus-Nebenbeschäftigung umgeht. Gerade erst wurde er 38 Jahre alt, wirkt aber frischer denn je.

Mir wurde jetzt klar, dass Zeit in der Realität gar nicht existiert.
Brandon Boyd

Brandon, du bist grade 38 Jahre alt geworden und sagst,  im Leben gibt es genug Zeit und Raum, sich selbst zu verwirklichen. Die meisten Menschen würde dir entgegnen, dass die Realität aus Freizeitstress und Arbeit besteht.

Brandon Boyd: Uns wird eingetrichtert, dass uns die Zeit davon läuft. Aber mir wurde jetzt klar, dass Zeit in der Realität gar nicht existiert. Menschen erfanden sie, um Licht und Dunkel zu interpretieren. Was ich also versuche: Die Aufmerksamkeit mehr auf eine kosmische Realität zu legen, die die menschliche Erfahrung übersteigt. Wenn du es so siehst, gibt es unendlich Raum, unendlich Zeit, gibt es keine eingegrenzte Kreativität, keine Regeln. Die einzige Regel, die ich mir gebe: Verletze keinen anderen auf deinem Weg und handle nach deinem tiefsten Sinn für Aufrichtigkeit und Integrität, suche dein Glück. Und für mich heißt das Musik, Kunst und meine Liebsten.

Wenn du aber die Unendlichkeit vor Augen hast, wie fokussierst du dich dann auf etwas?

Brandon Boyd: Eine der ältesten Techniken, sich zu entspannen und sich weniger zu sorgen, ist Meditation. Sie muss nichts mit Religion, Buddhismus oder Hinduismus zu tun haben. Lernt einfach, ruhig zu sitzen und euch aufs Atmen zu konzentrieren. Ich meditiere, seit wir Incubus gründeten. Das war großartig und aufregend, aber für mich auch beängstigend. Überall sein zu müssen und das Beste abzuliefern, gesund zu bleiben, diese Ängste türmten sich auf. Ich musste lernen, dieses Gewicht tragen zu können. Das ging durch Meditation. Eine schöne Begleiterscheinung ist, dass man sein Leben hoffnungsvoll und optimistisch sieht. (lacht)

Je mehr ich lerne, desto mehr wird mir bewusst, dass ich am Ende gar nichts weiß.
Brandon Boyd

Stimmt es, dass du sogar Songs im Schlaf schreibst?

Brandon Boyd: (lacht) Das kommt selten vor, aber manchmal habe ich sehr lebhafte Träume. Ich habe schon immer von Musik geträumt, viele Jahre lang Songs, die so nicht existieren. Das ist ein sehr seltsamer Brei aus unterbewussten Material, das nur im Traum raus kann, weil sich das Bewusstsein aus dem Staub macht. Also haben die anderen Teile in uns, die wohl die größeren von uns darstellen, die Chance, freizudrehen. Was wirklich selten ist, dass ich einen nicht existierenden Song träume und mir dessen auch bewusst bin. Dann wache ich mit Absicht auf. Ich habe über die Jahre gelernt, luzid zu träumen. Deshalb kann ich mich auch an Traumteile erinnern, greife mein iPhone, trinke ein paar Kaffee und singe die geträumte Melodie wieder und wieder oder sogar den Text. Das klingt irgendwie magisch, aber das ist nicht ungewöhnlich. Viele Musiker reden darüber.

Zweifelst du an dir selbst?

Brandon Boyd: Ja, ich habe viele Zweifel. Ich bin ein 38-jähriger Mann, der im 21. Jahrhundert lebt. Ich kam zu der Überzeugung: Je mehr ich lerne, desto mehr wird mir bewusst, dass ich am Ende gar nichts weiß. Deswegen ist Zweifel auch gesund. Aber ich bin deswegen nicht in Sorge. Ich weiß, dass die Sonne jeden Tag aufgehen wird. (lacht)

Warum siehst du dich als Sonderling?

Brandon Boyd: Ich meine das liebevoll. Ich hätte nie erwartet, dass mir all das passierte. Mein Leben war oft bizarr, lustig, interessant und ungewöhnlich. Diese Sonderbarkeit zu beobachten, brachte mich auf den Begriff. (lacht)

Du singst mit Sons Of The Sea über die Liebe und das Hängengelassen werden – unvorstellbar, wie ein Typ wie du abserviert wirst. Aber was hat dir geholfen, aus dem Loch zu klettern?

Brandon Boyd: Ich betrachte mich als optimistischen Menschen. Selbst an meinem schlechtesten Tag denke ich an Morgen. Ich durchlebte entsetzliche Beziehungsszenarien, manche davon war so traurig, dass sie später wieder lustig waren. (lacht) Ich schrieb Songs darüber und gewann späte Einsicht. Diese Erfahrung gab mir Perspektive. Musik und Kunst waren dann eine Art Katharsis für mich.

Wenn du die Chance hättest, vor allen Menschen dieser Welt zu sprechen, was würdest du ihnen sagen?

Brandon Boyd: Immer mit der Ruhe. Alles wird gut werden. Ich liebe euch. Trefft mich an der Bar, ich gebe einen aus. (lacht)

"Sons Of The Sea", das neue Album von Brandon Boyd und Brendan O'Brien, ist ab Freitag bei AMPYA zu hören.

Kommentar schreiben